Lebensmittel

Wer trägt die Verantwortung dafür, wenn Kinder übergewichtig sind? Die Wirtschaft und ihre Werbung, lautet oftmals die Antwort. Damit werden Eltern aus ihrer Verantwortung entlassen und von den tatsächlichen Ursachen für Übergewicht abgelenkt.

 

Die Debatte um Lebensmittelwerbung und ihren vermeintlich schädigenden Einfluss auf das Ernährungsverhalten insbesondere von Kindern geht unvermindert weiter. Auf europäischer und auch nationaler Ebene verdichten sich die Forderungen nach weiteren gesetzlichen Werberestriktionen. In den Diskussionen werden positive Nachrichten nur selten berücksichtigt. So belegen neueste Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), dass der Anteil übergewichtiger Kinder im Grundschulalter stagniert und in einigen Bundesländern sogar rückläufig ist. Nahezu 90 Prozent und mehr der Kinder haben keine Probleme mit dem Übergewicht (13. DGE-Ernährungsbericht zur Übergewichtsentwicklung; vgl. DGE aktuell 03/2017 vom 1.2.2017).


Ein positiver Trend zeichnet sich bei Kindern, die eingeschult werden, ab: In dieser Altersgruppe stagnierte in den letzten Jahren das Auftreten von Übergewicht bzw. war sogar leicht rückläufig.

13. DGE-Ernährungsbericht zur Übergewichtsentwicklung, 2017


 

Politische Forderungen 

Trotz dieses positiven Trends – und bereits bestehender rechtlicher Regulierung – fordern Politiker weitere Werbebeschränkungen. Im Zusammenhang mit der Überarbeitung der EU-Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste (AVMD-Richtlinie) spricht sich der Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (ENVI) des EU-Parlaments dafür aus, ein gesetzliches Werbeverbot für Lebensmittel, die „einen hohen Salz-, Zucker- oder Fettgehalt aufweisen“, in und um Kindersendungen sowie zu „Hauptsendezeiten mit kindlicher Zuschauerschaft“ einzuführen (vgl. Audiovisuelle Medien). Auch der EU-Gesundheitskommissar setzt auf weitere Verbote:


Ich habe nichts gegen eine Politik, die Steuern für ungesunde Nahrungsmittel wie Zucker, Salz oder Fett erhöht und Werbung sowie Verkauf reguliert.

EU-Gesundheitskommissar Vyentis Andriukaitis
Der Tagesspiegel, 21.1.2017


 

Im Deutschen Bundestag fordern Vertreter der SPD und der Linken ebenfalls Werbeverbote. Auch die Grünen hatten sich schon in der Vergangenheit dafür starkgemacht. Die Linke geht sogar so weit, die Verantwortung für das steigende Übergewicht in der Bevölkerung „nicht vorrangig bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern selbst“ zu sehen. Stattdessen verleiteten „Alltagsstress, Zeitmangel, manipulative und allgegenwärtige Werbung sowie ein ständig verfügbares Angebot an Lebensmitteln mit hohen Zucker-, Fett- oder Salzanteilen […] die Menschen dazu, immer mehr und ungesünder zu essen (Antrag der Bundestagsfraktion Die Linke „Verbrauchertäuschungen beenden – Klare Lebensmittelkennzeichnung durchsetzen“, BT-Drs. 18/10861 vom 17.1.2017, S. 1; Plenarprotokoll 18/212 vom 19.1.2017).

 
 

WHO schließt Wirtschaftsvertreter aus

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht vor allem den Staat in der Pflicht und drängt auf mehr Regulierung.


„Die starke Verbreitung nichtübertragbarer Krankheiten in der Bevölkerung ist nicht in erster Linie die Folge der Willensschwäche des Einzelnen. Vielmehr ist sie die Folge der Willensschwäche der politischen Akteure gegenüber einflussreichen Industrien.“

Dr. Margaret Chan, Generaldirektorin der WHO, und Michael R. Bloomberg, globaler WHO-Botschafter für nichtübertragbare Krankheiten in FAZ, Verlagsspezial Volkskrankheiten, 30.9.2016, S. V1


 
 

Sie fordert Strafsteuern für kalorienreiche Produkte und Werbeverbote gegenüber „Kindern“ (laut WHO alle Personen unter 18 Jahren; WHO-Report on ending childhood obesity, 2016). Parallel dazu verweigert die WHO den Dialog mit Wirtschaftsorganisationen – wenn diese ein Unternehmen der Zigarettenindustrie in ihrer Mitgliedschaft haben (wie beispielsweise der ZAW). Nach dem Ende Mai 2016 verabschiedeten „Rahmenwerk für die Zusammenarbeit der WHO mit nichtstaatlichen Akteuren“ werden Dachorganisationen vom Dialog ausgeschlossen, auch wenn keine spezifischen Themen bzw. Interessen der Zigarettenindustrie diskutiert werden.

Ursachen von Übergewicht

In der emotionalen Debatte über Werbung und Kinder unterschlagen Kritiker häufig zwei zentrale Punkte:

  • Werbung für Lebensmittel ist bereits sehr stark reglementiert, insbesondere gegenüber Kindern und Jugendlichen. Zahlreiche Vorgaben des Wettbewerbs- und Medienrechts sowie das System der Werbeselbstkontrolle des Deutschen Werberats berücksichtigen die besondere Schutzbedürftigkeit von Kindern. So ist zum Beispiel der an Kinder gerichtete direkte Kaufappell und jede Form der Ausnutzung ihrer Unerfahrenheit und Leichtgläubigkeit unzulässig. Kindersendungen in Radio und Fernsehen dürfen nicht durch Werbung unterbrochen werden.
  • Und: Die Ursachen für Übergewicht liegen vor allem in mangelnder Bewegung und im Lebensstil der Familie, der die Sozialisation von Kindern entscheidend prägt. Gerade bei Lebensmitteln bestimmen in den allermeisten Fällen die Eltern, was ihre Kinder essen und trinken.

Den dominierenden Einfluss der Eltern bestätigte auch die im Februar 2017 veröffentlichte I.Family-Studie zur Kindergesundheit in Europa. Kinder orientierten sich zudem stark an ihrem sozialen Umfeld und ihren Freunden. Die Wissenschaftler – die bei der Veröffentlichung ihrer Studienergebnisse vor allem den negativen Einfluss der Werbung auf das Konsumverhalten der Kinder betonten – stellten zudem fest, dass es derzeit nicht einmal ein Drittel der europäischen Kinder schaffe, sich wie empfohlen eine Stunde am Tag zu bewegen. Besonders Kinder mit weniger gebildeten Eltern sind laut der Studie gefährdet und laufen Gefahr, übergewichtig zu werden.

Die immer wieder geforderten Werbeverbote würden an dem Problem mangelnder Bildung nichts ändern. Diesem Mangel lässt sich nicht mit strengeren Werbegesetzen begegnen.

Stand: März 2017